Wie lange dauert ein Blick? Photographie zeigt, was immer sonst, Augen-Blicke des Photographierenden: was dieser mit einer Kamera zu Gesicht bekommt, was hier zu sehen oder auch nur zu sehen gewollt war. Henrieke Streckers Bilder zeigen anderes noch: wie lange hingeschaut werden muß, um sehen zu können, wie lange es dauert, bis sich zeigen kann, zeigen möchte, was mit und auf ihnen zu sehen ist. Belichtungs-Zeit, ist hier weniger eine aufnahmetechnische Bedingung als vielmehr das, was diese Photographien reflektieren ohne sie doch abbilden zu können. So scheinen sie im Blick auf ihre "Objekte"- ein Gesicht, ein Körper, eine Landschaft - bei sich zu bleiben, oder doch zu sich zu kommen, indem sie offenlegen, was sie überhaupt erst ermöglicht. Sie verdanken sich der Zeit und gewähren sie auch: dem Betrachter, dem sie, wenn er diesen Photographien begegnet, Langsamkeit oder Blitzartigkeit seiner je eigenen Wahrnehmungsweise deutlich machen; den porträtierten "Objekten", Menschen zumal, sofern sie sich vor der nadelstichfeinen Öffnung der Camera Obscura in einem Zeit-Raum wiederfinden, der ihnen erlaubt, sich zu bewegen oder stillzuhalten. Mit ihrer Photographie öffnet Henrieke Strecker den Blick für die Möglichkeit von Bewegung und also auf Zeit: Zonen werden sichtbar, innerhalb derer Menschen wie Dinge zeigen, was mit ihnen ist oder gerade vorgeht: ihre Übergänge, ihre Entgrenzungen, ihre Durchsichtigkeit auf sich. Dem ersten Blick, dem eindeutigen Identifizieren auf Abbildung entzieht sich diese Photographie. Wer hier erkennen möchte und doch zuerst nichts Deutliches sehen zu können glaubt, ist möglicherweise nur eines: in seiner Wahrnehmung zu schnell, vielleicht folgt er auch jetzt noch dem irgendwie tauglichen Reizverarbeitungsmodell alltäglicher Wahrnehmung, bei der visuelle Eindrücke in Sekundenbruchteilen pragmatisch gedeutet und wie auch immer festgestellt werden. Henrieke Streckers Photographie unterläuft  jeden Versuch, auf diese Weise mit einem Bildeindruck fertig zu werden, ihn gleich auch schon auf den Begriff zu bringen, ihn zu fixieren. Statt zu erkennen, was etwas ist, mutet - und traut - sie dem Betrachter zu, sehen zu können, dass etwas ist und erscheint. Man kann diese manchmal verstörend grellen, manchmal dunkel insistierenden, zu sich rufenden Bilder magisch nennen; indem sie der Erscheinung die ihr zukommende Zeit gewährt, erhellt Streckers Photographie sich indessen als transparentes Medium des Phänomens, wonach hier sich zeigt, was ans Licht kommt, ins Licht gehoben eine Spur zieht.

Markus Wolter, 2000

 

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